13
Apr
2007

An Christine Lavant ...

"Menschen können gut ohne Gedichte sein aber ein Gedicht nicht ohne Menschen"
Christine Lavant


der angst begegnen (ohne sie zu erkennen)

warten
zwischen den sätzen

der morgen der vergessenen
den sätzen die man leichter verläßt als die zeilen einer dichterin
sie zu berühren; läßt etwas helles dort wo es dunkel endet

an der rampe

traf ich die dichterin wieder
sie sah nicht nur wütend aus
sie war es auch
ich fragte nicht was sie hatte
sie würde es mir ohnehin sagen
aber sie schwieg
ich fragte
was hast du
sie schaute mich an
das weißt du doch
ich hab noch keine zeile geschrieben
der leere notizblock lag in weiter entfernung von ihr
ich lese den ganzen tag malerba...ardono und bukowski
ich denke mir wenn ich zwei von ihnen begreife ist es schon viel
und ich fragte sie
und wen von ihnen begreifst du
sie lächelte
fasste sich ins haar
du willst wissen wenn ich von den dreien begreife
ich schüttelte den kopf
sie lächelte wieder
das wusste ich
sagte sie
sie nahm ihren notizblock und notierte etwas
ich werde es dir gleich vorlesen
sagte sie
du hast doch hoffentlich zeit
ich nickte
dann las sie es vor

er besuchte mich
es war kein sexuelles besuchen
es war ein besuch von tür und angel
wir schwiegen
wir taten so als wäre es unsere sache
und so war es vielleicht auch
wortlos ging er wieder
es war seltsam ihm nachzusehen
es sah aus
als wäre er immer noch da

wir lagerarbeiter

feierten oft und auch schon mal
während der arbeit
einer fiel mal von der rampe
aber es passierte nichts
nicht einmal das bier in seiner hand
glitt aus und zerbrach
einmal grillten wir
wir hatten steaks und bier und apfelwein gekauft
einige hatten auch schnaps besorgt
wir lachten über den wald der nicht mit uns trinken konnte
wir redeten über frauen und fussball
weil ein see in der nähe war gingen ein paar von uns schwimmen
ich nicht
denn ich konnte es nicht
ich trank stattdessen schnaps und aß etwas dazu
dann trank ich bier und liess das essen bleiben
als ich genug getrunken hatte dachte ich
ich kann ja auch mal etwas ins wasser gehen
ich tappste hinein und spürte plötzlich
wie meine füße wegschwammen
mein atem rief wach auf du idiot
es ist sieben uhr morgens und du hast noch
keinen flachmann getrunken
das stimmte
und ich würde es auch nie wieder tun

ich traf...

eine dichterin
sie saß vor einer stillgelegten fabrikhalle auf der ladeklappe
ich setzte mich zu ihr
wo hast du deinen notizblock
fragte sie
ihrer war bis zum rand vollgeschrieben
zuhause
brummte ich
ich verlass mich drauf dass die worte
anklopfen bevor sie etwas zu sagen haben
so höflich sind meine nicht
sagte sie
meine kommen manchmal so schnell
dass es mir schwer fällt sie einfach
aufzuschreiben und manchmal kommt es mir vor
als schrieb ich bloß das was ich nicht schreiben wollte
was machen die kaninchen fragte ich
ich wollte mich nicht übers schreiben unterhalten
sie schlafen; sagte sie
sie werden vom schlaf erdrückt und wenn sie wach sind
schlafen sie weiter und lachen über das feld
sag weißt du wie man das schafft
für ein gedicht tausend euro zu bekommen ohne dass
man sich verbrennt
nein
sagte ich
ich weiß ja noch nicht mal wie man fünf euro
dafür bekommt
ich stand auf und ging
ja ich rannte sogar ein wenig
ich hätte den notizblock vielleicht doch mitnehmen sollen
aber wozu?

anschließend

ich kann mich noch erinnern
als meine großmutter gestorben war
war alles plötzlich still
erst später fing wieder das reden an
ich sang damals irgendeinen schlager
ich mochte schlager weil ich noch ein
kind war
und als kind mag man die sachen
die einfach sind
und in diesen schlagern war alles einfach
selbst die sehnsucht von der ich noch nichts wusste
war einfach
ein einfaches leben
ein einfaches begräbnis
ich sah in das traurige gesicht meiner mutter während ich
das lied sang
sie sagte leise
hör auf zu singen
nach der beerdigung gingen alle noch in eine kneipe
es gab nur eine kneipe in diesem dorf
dort wurde getrunken und in weiche brötchen gebissen
die brötchen waren so weich wie die handfläche
mit der meine großmutter mir oft fünf mark
zusteckte
die stimmung der trauernden änderte sich in der kneipe
sie tranken und redeten von den schwierigkeiten der lebenden
von den anderen schwierigkeiten wussten sie ja noch nichts

Der Starter

zeigen sie mir mal ihren personalausweis
sagte die junge schuhverkäuferin zu mir
ich schaute sie an wie ich lange nicht mehr geschaut hatte
diese frau konnte alles von mir bekommen
alles was ich hatte
gut
es war nicht viel
eine abgehobene kontonummer
ein defektes bügeleisen
und ein hund irgendwo in einer verlorenen landschaft
wie alt sie sind wunderte sie sich
so alt wie der alte karottenbaum in der nähe des bergzipfels
wollen sie ihn sehen
ich sagte erstaunt
aber sie müssen doch schuhe verkaufen
ach was sagte sie
die schuhe verkaufen sich von selber
sie zog sich ihren kittel aus
und ich sah wie die augen
aus mir leuchteten
wie mir die alten silben wieder einfielen
die sich solange im staub meines
gedächtnisses versteckt hatten
wir gingen los
sie nahm mich bei der hand
sagte
dort sieht man schon die kartoffelbeisser
die tragen alte hüte damit man nicht sieht
dass sie darunter noch älter sind
dort werden auch sie stehen und auf mich warten
denn ich verspreche ihnen dass ich wiederkomme
bringe sie von dort fort
kaum sagte sie das
schon setzte mir einer einen hut auf und ich war einer von ihnen
aber ich hatte hoffnung
denn sie würde wiederkommen und brächte mich fort
ich betrachtete die anderen
die hatten den selben gesichtsausdruck wie ich
auf was sie wohl hofften
ich wurde sentimental und dachte
wenn ich die augen öffne werde ich aus diesem traum einen text machen
ich werde ihn ins internet setzen und wenn sie es liest weiß sie
dass ich immer noch warte
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