1
Jun
2007

Annette Steinsiek: Versuch einer Identität ohne Kopftuch


Diese Photographie beabsichtigte nicht das Festhalten eines bestimmten Augenblickes oder einer bestimmten Situation, um sich zu einem späteren Zeitpunkt etwas wieder vor die Augen rufen zu können. Hier wird versucht, eine Person durch ihren Ausdruck zu erfassen. Ist nun die photographierende Person die Urheberin des Bildes, oder ist es die dargestellte? Es könnte immerhin sein, daß man Christine Lavant gebeten hat stillzustehen, ihr das Tuch umgeworfen, den Schmuck angelegt und Regieanweisungen zur Haltung der Hände, des Körpers usw. gegeben hat.

Erst jetzt, nachdem im Zuge der Erarbeitung einer Gesamtausgabe und Biographie manches Material zusammengekommen ist, weiß man, daß Christine Lavant selbst dieses Photo mehrfach, zu verschiedenen Zeiten und z.T. mit Widmungen versehen, verschickt hat. Sie hat dieses Bild von sich haben wollen. Sie wollte so dastehen, so aufrecht, klar, ernst, wie mit indianischem Gleichmut, vielleicht streng, schön.

Zu ihrem Markenzeichen ist das Kopftuch geworden. Ein Markenzeichen hat seine praktischen Vorteile, denn es erlaubt und fördert Wiedererkennung. Aber das Kopftuch ist eben auch als Requisite zu erwägen, zugehörig einem anderen Bild, das sie von sich in die Welt entließ.

Die naheliegenden Fragen an ein Photo: wann ist es entstanden, wer hat es gemacht, wo wurde es gemacht etc. dienen der Beschreibung und Ordnung. Der Frage nachzugehen, was auf einem Bild wirklich passiert, was jemand mit Photos von sich selbst verbindet, wo Inszenierungen beginnen, was sie bedeuten, heißt auch, der Spannung nachzugehen, die darin liegt, daß sich da jemand zugleich zeigt und doch wieder verbirgt.

(Copyright Annette Steinsiek)


http://www.quellenundkultur.org/Menu/Texte.html



Vielen Dank an Frau Steinsiek!!!!

was ist ein gedicht

ich begegnete einem dichter
der sagte
ich bin dichter

ich ließ ihn
in meine kalte wohnung
ich sagte
nimm platz

er sagte
ich werde
dir etwas sagen
aber du wirst es nicht verstehen

er sagte mir etwas und ich verstand es nicht

dann ging er wieder
ich fragte ihn hastig
ob er ein krug luft haben will
er aber schüttelte nur den kopf und flog davon

beschreibung eines pferdes

ich hab den regen niedergebrüllt
damals als ich dich beschreiben wollte
pferdchen
eine frau mit roter mütze setzte sich auf dich
sie strahlte weil es aufhörte zu regnen
ich schrie
das habe ich gemacht
du lachtest
pferdchen
sie hatte kreuzverkehraugen
diese frau
die das pferdchen bestieg
und damit wegritt
wie es früher die margerineverkäufer taten
wenn sie alles verkauft hatten setzten sie sich in einen zug und lächelten hinaus
und alle wussten da sitzt ein margerineverkäufer und er ist zufrieden
manchmal möchte man alles aufessen
die gedanken, die späten, die in den nächten verweilen und wissen dass man sie morgen schon wieder vergessen wird
manchmal möchte man am liebsten losstürzen; hinab zum fluß; die gedanken austrocknen; die leere danach muss wunderbar sein
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Ich trockne meine Zeilen ab

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