3
Jun
2007

was war

man sagte uns
esst keine fliegen
wir aber wollten wissen
ob sie in unseren bäuchen
das finden
was sie zwischen den fenstern
suchen
wir hörten sie nicht
sie waren so still wie ein augustmond
wir aßen immer wieder welche
aber nie
hörten wir etwas
ich dachte
wenn sie stumm wären
würden sie nicht solche geräusche machen
bevor wir sie in den mund stecken
aber dann fingen wir an vernünftig zu werden
weil karla kam
karla war immer vernünftig
und alle wollten wie karla sein
als karla anfing regenwürner aufzuessen
begannen wir den schnee
zu vergraben
damit er nichts sieht
von unserem debakel

rumpelstilzchen

so schnell sinkt man
fällt auseinander
da helfen keine worte
die worte waren da
und sie klangen laut in seinen ohren

er fluchte
verschlief beinah das fluchen
er war so pfeil
so lustig vorher noch
er tanzte auf einem bein
das andere brauchte er zum rufen

morgen hol ich
des königins kind

was hätte das für ein leben gehabt
voll sorgen und morgengrausen
aber auch
voller geraschel und mohrrübengeschmack

denn das rumpelstilzchen ward ein freund der kaninchen
die ein grab gruben
und ihm weil er es so gerne hatte ein liedlein pfiffen

gestern hätte alles noch ihm gehört
heute nur noch einer kühler wandel
ausgeblieben- sich selber fremd
liegt er mittendrin im geraschel eines toten tones

schnee draußen

„Darum geht es bei Gedichten;
in Mitleid
mit den Gierigen
sind sie der zunge Hader,
der Welt Suppe, der Rote Stern“

Anne Sexton aus dem Gedicht In Mitleid mit den Gierigen



irgendwo stehen zeilen
die augen trauern drauf

du hältst die worte eines
betrunkenen in der hand

das schweigen einer geste
die morgen schon jede bedeutung verliert

morgen verderbe ich mir wieder manche stunde
mit dem wegklicken von schlechten gedichten

das verkrampfen der finger beginnt
die das was sie erkennen nicht mehr aufschreiben wollen

ein strichmännchen

ein strichmännchen geht aus dem haus
und während es auf der strasse liegt
fragt es sich
hab ich den kaffeeautomaten abgeschaltet
es wird mit einer trage ins strichmännchenkrankenhaus gebracht
es wundert sich
da ist so viel licht
es fragt sich
hab ich den kaffeeautomaten abgeschaltet
es wird operiert
es träumt während ein kleiner stich seinen strichmännchen körper öffnet
ballast fällt hinein
jemand macht pause
die suppe lässt ihn durstig werden
er bestellt ein bier
aber er kann nicht zahlen
er sieht die luft an
irgendwo wird etwas geschehen
er hebt den faden wieder auf
sieht auf das strichmännchen
ein heilloses durcheinander im operationssaal
jemand liest ein gedicht vor
mal rückwärts mal vorwärts
zugluft im kopf
die kerzen brennen noch nicht
aber jemand sagt
ich würde sie gerne brennen sehen
das strichmännchen wacht auf
es trägt einen neuen anzug
solch einen anzug hat es noch nie getragen
es springt vom op-tisch
und sagt dem arzt
sie sehen aus wie luis mein bester freund
er hat überhaupt keinen besten freund
das stimmt ihn sehr traurig und er erwacht
er geht mit seiner surrealistischen mütze in die küche und
beisst in eine kalte schwarze unruhige vorsichhinträumende KARTOFFEL!

Der Tanz um die Hosen

würfel ovales gepfeffertes licht
beiname. GROSSMACHt

spielende Arme ohne Rücksicht

(es flüstert eine nackte Elfe: habe solange keinen Sex mehr gehabt)

königin ins taschentuch: kreise stehen ab; aber ich gehe ins Bad und wunder mich

DANN WUNDER DICH MAL....(absatz...schnelll)


das wirkinde streifen

obulus ne ubulus


nele noch ganz jung
in den pausen atmet sie
in den pausen will sie viel mehr als liebe
liebe ist nur für das innen
sie will aber die augen öffnen und etwas sehen

magst mein salamibrot
fragt der fritz
endlich traut er sich
so viele verlorene tage am brunnen
so oft hineingesagt
ach sag ihr doch was
du musst ja nicht wegen der liebe

seinsdrum..eins seinsstuhl
ein nebel der sich um einen mantel wirft

schau mal dort
der weltfrieden
wie listig und betreten er uns ansieht
und alles geschieht gleichzeitig
als könnte man die müdigkeit ausblenden

pfefferthron
katzenwurst
zwischen zwei heringen wartet immer ein fisch

der fluss verschwindet in den rachen der tiere

jedes deiner haare möchte ich
betrachten
sagt der fritz
aber er sagt es erst später
später als alles ausgesprochene wieder unmöglich wird
und man doch wieder bloß an die liebe denkt

von keinem cafe aus

nachts wenn in den büros die büroklammern noch lange aus dem fenster schauen
nachts
wenn sie ihre stadt betrachten
sich fragen
wie mag der himmel wohl ihre stadt betrachten
betrachtet er sie überhaupt
oder verschwindet er hinter dem durst der löschfahrzeuge
nachts
wenn die knetmännchen erwachen und hinter dem tor
eines der besten torhüter ein kleines mädchen steht
und ihm zuruft
das ist betrug
nachts
wenn die liebe unter den küssen leiser fliegen verschwindet
und das summen zwischen den orten beginnt
nachts
wenn die verklemmten zwischen den fenstern sitzen
darauf hoffend dass nichts passiert
nachts kreisen wir die nahaufnahmen ein
drücken wir auf einen knopf um wenigstens einmal
im leben lustig zu sein

ein gedicht für wolfgang hilbig*

es fängt in den bahnhöfen an
die tauben ahnen das
sie schauen auf uns herab
ohne dass sie auf uns herab schauen

ich wurde damals vom bahnhof in bayreuth abgeholt
weil man mich für wolfgang hilbig hielt
ich stieg ins auto und sagte
ich bin nicht wolfgang hilbig

bei seiner vorlesung sprach er über das
leiden des dichters und ich dachte
wenn dichtung wirklich nur leiden heißt
möchte ich ein sprung zwischen den wörtern sein

die tauben saßen in den orten und warteten auf
die tage an dem die abwesenheit
einen von uns beiden sehr traurig stimmen würde

wie ein pfund bittere mandeln
so schmeckt diese nachricht
wie das verspäten einer notiz
die sich überlegt
ob die worte die man ausspricht die richtigen sind

trauer verschenkt man nicht
einer trauer begegnet man wie einem fluß
man begegnet ihr als hätte sie dich für einen moment an einen erinnert
und
dass man in einem fluß immer etwas davon erkennt
dass es ein morgen gibt den man nicht begreifen kann




* Wolfgang Hilbig starb am 2.6. 2007
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