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8
Jun
2007

Liebe Christine


ich hoffe dass ich dich so nennen darf
christine
nicht frau lavant
das klingt als hätte ich soeben von deinen versen gekostet
und bin noch ganz verwirrt von den schätzen die sie enthalten (obwohl es genau so ist fällt mir nichts besseres ein als dich zu duzen)
heute vor 34 jahren starb die dichterin christine lavant
das bist du
du wirst es nicht mehr wissen
wozu auch
es ist nur ein name (es ist viel mehr; es ist der name einer dichterin; eine dichterin
die alles erkennen kann und in diesem erkennen liegt auch
die not die bewegung kostet; die armut die sich alles einverleibt)
für eine weile in die welt geschickt
um sie zu vermissen
zeilen über die gleise
wind um die täler
kreisend
wie das ferne licht (und immer diese sehnsucht; diese begegnung zur nächsten begegnung und wieder alleine; kaum zu glauben wie sehr man dichterin sein muss um sie immer wieder aufzuwecken die zeilen die sprachlos neben dir liegen; denn der tod weckt die zeilen der dichterin nicht)
hell ist es dort wo die dichterin etwas erkennt
(heute vor 34 jahren erwachte irgendwo in wolfsberg die nacht am tag
zog zwischen den helligkeiten ein und nahm dich mit; deinen namen und deine zeilen aber liess sie da)

die flüsse
auch dort steht es geschrieben
vor 34 jahren starb im wolfsberger krankenhaus
christine lavant nach kurzer schwerer krankheit
ich stelle mir die ärzte
die krankenschwestern vor
ich stelle mir die türen und die offenen fenster vor
wenn das sprachlose beginnt weckt man die fenster
damit sie in aussicht stellen
dass das leben auch nach dem tod einer dichterin weitergeht

an diesem morgen bist du vielleicht ein letztes mal erwacht
ein letztes mal sahst du aus dem fenster und dachtest (ich stell es mir vor christine; ich stehe am rand und weiß nicht mehr was ich getan habe 1973; wahrscheinlich
gehofft dass der vater sich beim salamischeiben zählen nicht verzählt)
das was man im inneren betrachtet lässt das was die augen erkennen wie staubige flecken zurück

die nächte die hinter uns liegen
die erinnerungen die immer weiter zurückfallen und schon bald
werden wir erwachen und es wird keine erinnerung mehr geben
nur fallgruben die man betrachtet wie etwas das aus der zukunft hinabrutscht
in die stille die in den augen der dichterin immer aussieht
als wäre auch dort noch ein erkennen möglich
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