
*
es war Nachmittag
er hatte den ganzen tag keine blume berührt
das war schwer
es war herbst
er mochte den herbst
aber er hatte schon den ganzen tag keine blume berührt
er liebte den herbst
er mochte es wenn die grauen fassaden der stadt alles überragte
wenn das grau in die flüsse zog
und jeder von seinen augen redete die alles graue in sich einzogen
da war dieser Nachmittag und der himmel war grau
er hatte den ganzen tag keine blume berührt und das sah man ihn an
er war weniger flatterhaft als sonst
er fragte sich
wach ich jetzt auf
werde ich die ohren spitzen und mich fragen
wer erzählt diesen traum; bin das noch ich oder ist das irgendein optimistischer eisverkäufer im herbst
im herbst wo die nächte erfüllt sind von eingerosteten sätzen
von dem wagnis die dinge anzunehmen wie sie sind
das alles grau ist findet der schmetterling nicht schlimm
es ist ein gewinn für den fensterlosen
den grashüpfer
es ist ein gewinn für das wasser das selten in den flüssen gezählt wird
da war dieser traum
er zählte auf ihn
er dachte wenn ich morgen wieder keine blume berühre
werde ich mich in ein sinkendes schiff verwandeln
und so geschah es dann auch
*= und wieder ist es katja die hinter diesem bilde steckt
Sturznest - So, 17. Feb, 20:32

*
das ist der berühmte
sagte eduard zu seiner
tomita
tomita war glücklich
endlich einer der ihren
namen aussprach
sie nickte griff sich seinen arm
und fragte
gefällt dir das bild
oh machte eduard
und noch einmal oh
bei allen zinnobern
ich habe deine brust berührt
aber es war nicht so gemeint
ach machte tomita
das war nicht meine brust
das waren meine fühler
fühlst du sie nicht
hinter deinem gesicht
seh ich das erwachen
du
mit deinem meisterbrief um die schulter
was sagst du zu diesem schmetterling
ist das noch ein schmetterling oder träumt er vielmehr ein schmetterling zu sein
ein paar matrosen tauchen auf
sie liebten das wort ausstellung und plötzlich waren sie drin
sie sahen auf das bild und einer sagte
sie lächelt rief er
sie lächelt mich an
ich muss sie fragen wann sie zeit hat
wann wir wandern gehen
oder den zugvögel zuschauen
zugvögel sagte tomita und machte eine handbewegung
das sind doch keine zugvögel
keine zugvögel räusperte der matrosen
eduard stolperte
er wäre beinah auf sein knie gefallen
es ist herbst sagte er
und er flüsterte der tomita ins ohr
kennst du das gedicht von rilke auch
es wird zeit oh herr
die großen bäume auf die laster
die oliven frei von obst usw.
tomita schüttelte den kopf
die augen hatte sie nur auf den schmetterling
der war blau als hätte er gerade
eine blume gegessen
eine blaue blume
* und wieder eine wunderbare Zeichnung von Katja
Sturznest - So, 17. Feb, 18:41
ich stahl einen hut und wollte, ich wollte unbedingt dass der hut ihr gefiel, ja, da war ein neues bettgestell und ich, ich hatte die miete bezahlt, drei monate im voraus und auf der wiese spielten kinder und ein geigenzähler erzählte wie man das macht, die gartenzäune wurden gestrichen, der nachbar hatte schlechte laune, denn die nachbarin sah nur noch mich an.
sie fragte mich, ob ich gerne telefoniere. wir spielten draußen schach, aber das war schon nicht mehr meine nachbarin.
ich telefoniere nicht gerne, aber das sagte ich ihr nicht, warum sollte ich ihren lebenstraum zerstören.
alles war nur noch da damit man es grüßt, ich grüßte meine nachbarin, ich grüßte sie gerne, ich tat an manchen tagen nichts anderes und sie grüßte zurück, sie mochte es sehr zu grüßen, sie hatte die passenden schuhe dazu an.
der weg war steinig und wir hatten durst, schon damals wussten wir das wir nicht ankommen würden und tatsächlich kamen wir nicht an.
ich stahl keinen hut, ich hatte keinen grund einen hut zu stehlen, ich sagte zu meiner nachbarin selten ein wort..
es ist der schaum der alles hinter uns wegträgt, der weiß dass man nichts wissen muss.
es sind die schmetterlinge die nur deshalb fliegen, weil sie nicht wissen dass sie fliegen, wüssten sie dass sie fliegen würden sie es nicht mehr schaffen.
ich stahl diesen hut, ich dachte es würde ihr gefallen. aber sie war eine mutter, mit schönen sorgenvollen augen, die sorgen hätte ich ihr gerne aus den augen gekämmt, aber das durfte ich nicht, ich durfte ja noch nicht einmal einen hut stehlen.
da war die nacht, der schaum der hinter uns alles wegträgt, die flüsse in denen sich
an manchen tagen die gebisse badeten..
nein, ich stahl keinen hut, ich stahl nur ein erwachen und das fiel nachdem ich es weckte wieder in einen tiefen schlaf
Sturznest - So, 17. Feb, 14:54

*
bin ich... klein leicht frei wie ein lamm; bin ich grob laut
bin ich zu sehen
oder wache ich auf
steile stellen sind da
ein geruch von einem tag
etwas helles
und doch
suche ich die nacht
falle in den traum
wander umher
gläsern
geräuschlos
ohne fenster
ohne tag
ohne himmel
nur im traum erwache ich
fliege davon
suche die nacht
die fallende sehnsuchtsvolle
die unruhe in mir verleiht flügel
aber bin ich das
bin ich es der nicht weiß
ob ich das bin der beflügelt von seinen flügeln
und trotzdem nicht weiß
bin ich der schmetterling oder ist es der traum
der dem schmetterling träumen lässt er sei ein schmetterling
einer der im traum den traum festhält
der sich festbeißt
nicht will dass man erwacht
aus angst er
könnte platzen
in den räumen
den zwischenräumen
dort wo die flügel der schmetterlinge vom erwachen träumen
* ein flügelhafter schmetterling von Katja gemalt
Sturznest - So, 17. Feb, 14:28
(Roman in Gedichtform)
als wir dachten es könnte
so oder so oder so
weitergehn
dachte nicht
einer von uns
einen augenblick lang
dass das
so oder so oder so
enden kann
immer was heißt das
heißt das vielleicht
jemals und niemals
und stets keinesfalls
nenn mir nicht wege
nicht ziele nicht ort
wo wir nicht ankomm´(en)
gehn wir auch nicht fort
Winnie_Lou - So, 17. Feb, 14:14
unterwegs zu sein ohne etwas essbares ohne zu glauben daran das man finden etwas kann. ohne die kirche im dorf zu lassen ohne dass man etwas isst oder jemanden begegnet.
unterwegs zu sein ohne dampf ohne gebrüll ohne den obligatorischen schneidezahn, mit nur einer schnittstelle, ein topf und ein huhneintopf im gepäck, aber sonst.
ohne getreide, ohne rechte energie, ohne festen willen.
und dann an der türe der geliebten, sie schaut durch den spion, sie fragt, wer isst da, ich nicke, sie öffnet, schöne küsse hatten mich einmal begrüßt, lange her, dann gingen wir auf diese reise, alles ging schief. jetzt bleibt uns nur noch einen händedruck.
mein mann, sagt sie und entblättert sich, nein, das tut sie nicht, früher hätte sie sich entblättert, aber nun, der wurm war drin.
ich liebe meinen mann, sagt sie, wenn ich es gesagt hätte, wäre sie in einem lachanfall aus dem zimmer gestürzt, sie wäre wirklich gestürzt und nein, sie hat es gesagt.
sie ist barfuß, so wie immer, ich schaue sie an, wir trinken trockenen wein im wohnzimmer, schauen uns die tapeten an. so weit sind wir also, das wir uns die tapeten anschauen, das war nach unserer ersten begegnung etwas anderes, wir wussten gar nicht mehr das dort überhaupt eine tapete war.
der knackpunkt war die idee auszuziehen, sie wollte weg, weg von den flüssen, weg von den bänken, den schränken, weg von dem rosa bettuch, weg von der idee einer gemeinsamkeit, allem wollte sie entfliehen und ich sah ihr dabei zu und wusste, das hatte alles nichts mit mir zu tun, das hatte alles nichts mit mir zu tun, das hatte alles nichts mit mir zu tun.
dabei, ich hatte mir neue wörter für sie ausgedacht, liebkosungen, die wir im bett ausprobieren würden, aber nichts blieb davon übrig.
sie sagte, sie habe noch erspartes, das war klug, ich dankte ihr dafür, sie kicherte, sie verstand nicht warum ich mich bedankte, ich verstand es auch nicht, wieder eine gemeinsamkeit, könnten wir sie doch noch retten unsere liebe, unsere große liebe unsere große liebe, konnten wir sie retten, durften wir sie retten, wollten wir sie retten.
wir saßen am abendtisch. ihr mann kam. er sagte, hallo und er sagte hallo, dann warf er seinen mantel auf den boden und rief, genossen, wir müssen was tun, sofort gingen wir zu ihm, fragten, aber was.
er wusste es auch nicht, er liebte es nur sätze auszuprobieren die einmal etwas bedeutet hatten.
wir waren in die jahre gekommen, aber wir waren damit nicht alleine, die sätze die wir hinter uns her schliffen kreuzten sich mit uns und verloren wie wir jede bedeutung.
Sturznest - So, 17. Feb, 14:11
Es begann alles im november
jeder satz begann mit einem
großbuchstaben
es regnete
er flirtete mit ihr
sie stand in seinem flimmern
beide im flur
er sägte an ihr
es war wie in einem fortgeschwommenen ort
eine geschichte eben
wir wollen sie erzählen
sie rutscht in meinem gedächtnis hin und her
es ist nichts erfundenes darin
und doch
hat sich nichts so zugetragen wie hier beschrieben
sie saßen an einem ufer
die räder abgeschlossen
er sagte
wir haben die räder abgeschlossen
er sagte
es ist besser sie abzuschliessen
er sagte
wenn wir beide im fluß´schwimmen
nackt wie man uns sonst nicht
auf der strasse finden kann
kann es sein
das raddiebe die überall unterwegs sind
uns sehen und das rad nehmen
weil sie glauben
wir könnten sie nicht mehr gebrauchen
sie sah ihn an wie als ob sie auf etwas hartes trifft
etwas das berührt werden will aber nicht berührt werden kann
sie saßen in einem käfig
es war grausam
denn sie waren unschuldig
er hatte dieses gesicht
sie hätte es gerne abgestreift
wir sitzen fest
sagte sie
so kann es zwischen uns nicht mehr weitergehen
sagte sie
er zog den tisch etwas näher
es war ein ranziehtisch
draussen standen die strassen in den ecken
sie sagte
draußen kommt mir alles so fremd vor..so als hätte ich alles schon einmal erlebt
er nickte
nickte kühl und untergraben
er fühlte etwas empfindsames
er wusste schon im voraus dass er das empfinden musste
aber war es nicht schon zu spät
war nicht alles schon eine beschlossene sache
war noch etwas zu retten
se hatten es schon so lange miteinander versucht
und immer war es schief gegangen
jetzt brachte er sie zum bahnhof
stieg ein in den zug
sie stand am gleis und wusste nicht was glück ist
sie dachte sich
ich werde kaffee trinken
ich werde mich von irgendeinem hilfspolizisten ansprechen lassen
und vielleicht versuche ich ein leben mit ihm
ein leben wie das klang
da rutschte man hin und her und es war immer noch ein leben
da sammlte man erinnerungen und es war immer noch ein leben
da sah man abschiedsbriefe hin und her flattern und es war immer noch ein leben
sie standen lange so an der brücke und er fragte sie
stimmt es dass du klavier spielen kannst
sie schaute ihn an und dachte
wieder so einer mit neurosen im kopf
er schien guter dinge
er stellte sich vor er sei verliebt und sie warte auf ihn mit einer decke unterm arm
sie stolperten zur u-bahn station
es regnete nicht; der tag war wach; ein paar bettler suchten den ursprung des seins und waren damit immerhin nicht alleine...
die vielen küssen versprachen nichts
sie sagte ich werde dir nicht auf alles antworten können
er hörte nicht mehr zu
später fingen sie das ausziehen an
so nackt
so gering wie geringfügige beschäftigte auch sein mögen; wenn sie nackt sind haben sie alle hände voll zu tun
es war am Montag
er hatte gerade seinen lieblingskugelschreiber verloren
er war darüber sehr unglücklich
natürlich hatte er noch einen zweiten
aber der war schon so lange sein zweitliebster kugelschreiber dass es ihm schwer fiel
die reihenfolge zu ändern
er dachte
wenn ich die augen schließe werde ich ihn vielleicht finden
er schloss die augen und er fand ihn
er war darüber nicht sehr erfreut
denn er hatte sich bereits an den verlust gewöhnt
sie sagte
willst du mich noch ein wenig begleiten
sie machten schritte...das gehörte sich so
sie murmelte etwas
er räusperte sich
er dachte
wir werden es wie millionen andere tun
sie standen auf
sie ging voran
die türe zu ihrem zimmer klemmte
sie wollte schon vorbeigehen
er stieg aus dem zug
er stellte sich vor sie würde warten
sie wartete auch
sie wartete auf post von ihm
sie dachte
wir werden in die leere laufen
sie saßen zusammen
noch immer war dieses ansehen da
noch immer dieses knistern; dieses flüstern; diese gemeinsamkeiten sie brauchten sie nicht zu suchen;
sie lagen im bett und starrten an die denke
er fragte sie
was denkst du
ich stelle mir vor wir würden uns doch nicht trennen
nur unsere gesicher rutschen auseinander
sie wurde rot
feuerrot
sie standen an einer halbfertigen treppe
sie bemerkte es als erstes und belächelte ihn
sie sagte
du bist wohl nur dorfdamen gewohnt
er zeigte sich einsichtig
die augen auf sie gerichtet
er sagte ihr alles und als nichts mehr übrigblieb
ging er
er ging einfach weg; es war egal wohin er ging
sie fragte sich
und was wenn er zu den soldaten geht
doch er ging nicht zu den soldaten
er ging irgendwo anders hin aber nicht zu den soldaten
sie schaute ihm nach
das fenster stand offen und irgendwo roch es nach klebstoff
sie hatte ihr haar frischgewaschen und steckte etwas geld in ihre hosentasche
sie zog die türe zu und berührte die ersten treppen des flurs
ein bekannter von ihr erwartete sie
sie dachte
er will mich sicherlich
er dachte das auch
aber sie taten nichts dergleichen
sie gingen über diese klare einspurige strasse
der wind pfiff
manche räume wurden geschlossen
der bahnhof war weit ...der zug konnte ihn nicht mehr erreichen
Sturznest - So, 17. Feb, 09:44
das laue flüstern
das
ich kann nichts sagen
das was man
zwischen den worten verrät
dass man alles sagen wird
auch das
was wahr ist
und unter kerzenlicht stirbt
wie ein dämmern
oder das schweigen über ein dämmern
da ist ein brechen
das knackt
das knackt wie sperrholz
das macht den balken geräumiger
nein
das tut es nicht
später wenn du erwachst
in diesem ganzen dreck
die augen aufsammelst
die längst nicht mehr dir gehören
tritt das verspätete ein
die schrauben in deinem gedächtnis
die wasser tief und heilig
ist ja für eine gute sache
also bringen wir es doch hinter uns
diese stunden man
kann sie nicht ertragen
ohne zu lächeln
dieser morgen
ohne zu lächeln
kann man sie nicht ertragen
aber man lächelt nicht
man lächelt nicht
man lächelt nicht weil man es nicht kann
Sturznest - So, 17. Feb, 03:30