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2
Nov
2009

Ich schreibe ein Gedicht für Anne Sexton

immer war aschenputtel zu jung
dabei hatte sie einen appetit
sie liebte das wort vorfahre
sie fuhr so gerne vor
zumal in der nacht
wenn sie die kastanien von den ameisen trennte

sie dachte für eine sekunde zu lang
ich geh jetzt zum hof und frage den prinzen
ob er lachen kann

übers strahlende meer glitt sie ins bodenlose
was ist dichtung fragte sie
ihr haar spannte sich aus
es wurde zurückgekämmt

die türen waren verschlossen
und aschenputtel dachte
wenn ich es schaffe bis zum prinzen zu gelangen
werde ich ihn fragen ob er lachen kann

leise war der gang der wachleute
sie hatten giftige patronen in ihren mündern
sie schossen auf alles was scharf war
und aschenputtel war scharf

als man auf sie schoss
war sie gerade siebzehn geworden
sie trennte ameisen von kastanien

in ihrem blick stand alles geschrieben
und trotzdem klopften die augen des prinzen
in ihrer umarmung von der sie nachts träumte

küsse eines feindlichen körpers
sie wollte einen schritt nach hinten gehen
sie stellte sich vor
sie selbst käme durch die türe hinein
und blies ein gedicht von anne sexton ins zimmer

ein pfeifchen; eine leise trommel
ein wort
komm setz dich hin und schreib es auf

anne sexton wartet

die augen gestrichen
die metaphern glänzen wie auf dem grill
es ist irgendeine feier
aber aschenputtel sitzt zuhause
die ameisen kämpfen um jede kastanie
aber sie wird obsiegen
sie braucht die ameisen doch nur anlächeln

ein zaghaftes licht
eine grimasse
banknoten in den falschen gegenden
der ruf der augen
die worte übers meer
wie sie abgleiten
so leise
so zart

da stand sie vor dem hof
jeden morgen kehrt ihn jemand
und der prinz
er lauscht diesen worten
er setzt sich ans fenster und
fällt in das sehen hinein

das war gestern
da standen die türen noch auf
heute klingt alles nach
den nächten
die hinabgleiten
bis an die spitze eines berges
und wirklich
sie kommt nicht mehr zurück

Der Verwirrte

der verwirrte stand neben dem zug
er las in der abendpostnachtausgabe
der schaffner kaute an fahrkarten
es roch nach sperrholz
nach zitronen
nach abgedeckten mänteln
nach slivovitz
es roch nach abgetrennten orten
hühner die ohne kopf alles klar sahen
es roch nach soldaten
nach dunklen französischen broten
da rannten gestalten umher
er rief
stalin ist tot
niemand billigte es
alle griffen nur nach ihren hüten
als hätten sie darunter ein geheimnis versteckt



(dieses gedicht habe ich 1961 geschrieben, also ein jahr vor meiner geburt)

Jo Liest Elke träumt

das

Draußen regnete es, der Regen berührte das Küchenfenster, ruhte sich aus, ließ sich von anderen Tropfen berühren, während man irgendwo dort draußen verschwand, hinter dunklen Wänden, sich abstützte, die Wirkung eines Kusses bewertete. Irgendwo fiel einer um, gerade in diesem Augenblick als ich es erwähnte, ein Fallen, das nicht mehr zurückkann..



das2

Die Kassiererinnen schliefen schon, sie würden es auch morgen tun, sie würden hundert Jahre schlafen, bis jemand käme und sie küsst und sie wissen, dass alles nur ein Traum ist und sie auch im Wachen weiterschlafen können.



das3

Ich bog in eine Gasse, ich brauchte nicht lange zu gehen, um den Geruch von Bratwürstchen und selbstgebrannten Slivovitz wahrzunehmen.
Ich setzte mich neben einen Alten, der Alte lachte ständig, er muss sehr traurig gewesen sein, denn sonst hätte er nicht so viel gelacht. Er leerte ein Glas nach dem Anderen, kaum war ein Glas leer, schon füllte er es wieder und trank, er trank immer weiter, er bemerkte es nicht mehr, er glaubte vielleicht sogar er würde nicht trinken.


das8

Er nahm mich an der Hand, er berührte mein Kleid, er vergrub seine Augen in mir. Er schwieg die ganze Zeit über und auch ich schwieg. Es gab nur diesen Tanz, den wir berührten, der sich wie ein Schatten um uns drehte. Doch kaum war die Musik zu Ende, da begleitete er mich zu meinem Platz, mein Platz war neben dem Alten.




(die fotos wurden gemacht von Jörg Wagner, vielen Dank nochmal)
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