Raymond Queneau

21
Feb
2008

zeilen für raymond queneau

ein dichter erwacht
ganz alt ist er
ganz tief kleben die augen
am rand steht ein geflüster
das will sogleich zu ihm

ein dichter erwacht
er erwacht ganz alt
das ist ein altes erwachen
solch ein erwachen gibt es heute nicht mehr..sagt der dichter

der dichter erwacht
er erwacht aus seinem alter heraus
am rand steht sein geflüster
das sieht er an
das kann er gut erkennen

ein dichter steht auf
seine schritte sind federleicht
das fenster ist auf
der mond belagert die stadt
die zeit aber hält den dichter fern von den zeilen
die zeit ist so oft mit ihm durch die strassen gegangen
auf zehenspitzen oder auf federn
so weich sind die augen wenn sie die tränen bewachen die noch schlafen
diese tränen erkennen ihn manchmal nicht mehr

der dichter schaut aus dem fenster
da ist eine stadt wie sie im buche steht
wie sie in irgendeinem seiner bücher stehen
seine bücher tragen die schatten seiner stadt in die nacht
wenn man sie nicht verliert dauern sie an

der dichter schaut zum mond-der ist ihm nicht fremd
er erkennt die besten stellen und verwechselt sie mit den schlechtesten
der dichter ist jetzt reich an wörtern hat er so viel
dass er wenn über ein kieselstein fällt immer ahnt
jetzt könnte es wieder sätze regnen

sätze die man verlässt; die bleiben; deren schatten wie pfützen hin und her springen
die glauben es sei immer nur ein ort der vergessen wird
der die erinnerung an einen tag; einer minute; festhält
an dem das schweigen von dem schrei eines dichters besiegt wurde

heute ist die dämmerung ein dorf
heute ist das fallen ein gleis
auf dem ein mann auf eine erinnerung wartet

er weiß dass er lange nach ihrem namen rufen kann
sie kehrt nicht wieder um
aber ihre sätze sind da
ihre sätze sind da wie das ein und aussteigen dieser schönen
die in ihren dunklen augen orte kennt
die man nur betrachten darf wenn sie es will

es ist ein leises dauern
dass man den tag einheimst
ihn an sich drückt und ihn nicht mehr vergessen will

diese vielen stunden die immer damit beginnen
dass man sein rasen in die zeilen presst
sie dort liegen lässt wie staubige äpfel die glauben
sie würden noch wachsen

der dichter schweigt
er hat das schweigen jetzt lange genug angesehen
er weiß dass seine lippen nicht mehr ahnen
was einem anderen schnurzpiepegal sein kann (gebärde)

das kreisen um den dichter
der nächtliche spaziergang in die zeilen
immer auf der suche nach einer metapher
als ginge man zum verlegen in den wald
als sei dort der himmel viel breiter als sonst irgendwo

verlassene suchen vergebens diesen ort des verlassens auf
orte die man verläßt begraben das verlassen unter sich

diese nacht im fiebrigen umschwung
der dichter erkennt diese weise
er erkennt sie gut
sein mund gibt einen laut von sich
aber den kann nur der mond verstehen
der kreise in die landschaft zieht
eine karge borstige landschaft

der dichter zählt seine finger
er vergisst die anzahl wieder
nicht dass er sie vermisst
diese anzahl
er würde höchstens das zählen vermissen
wenn er nicht auch das längst vergessen hätte

sein mutloser blick gehört der welt
die einen graben daraus zieht

der dichter weckt das sterben
das heimleuchten eines tödlichen vergessens
er geht mit ihm durch die strassen
verlassene wege
verstaubte erinnerungen

der morgen zerrieben von ein paar pechvögel
solange es die auf der welt noch gibt
kann sich die welt glücklich schätzen

diese momente
wenn aus den augen die letzten worte
der geliebten klimmen
die nicht mehr weiterschreiben kann
bloß ein zittriges
nun machen sies mal gut sie halunke

der geschmack der eitelkeiten
die ihre eigenen worte in sphären schicken
zu denen sie niemals vordringen
die gehen höchstens baden in vertrockneten pfützen

seine zeilen verstehen die eigenen worte manchmal nicht
verlassene orte
ein vergessen dass man nicht verstehen muss
ein dichter erwacht und mit ihm seine worte
um den morgen hell zu machen dafür sind die da

T sucht das Wäldchen nur für Dich

(für Raymond Queneau)


t ist eine hübsche
da sagen selbst die hinterwäldler
die immer noch einwählgebühr bezahlen

die aus der mode gekommenen sätze
liegen zwischen den stellen
und kosten nichts

es ist als würde man
kieselsteine einfangen
sie kräftig einreiben
und dann wieder zurück in den schmutz

die nacht fällt über t her
so viele anrufe
und alle wollen ihr nur sagen
dass sie eine hübsche ist
selbst die intellektuellen
die ihre finger spreizen
kleine atemlose
die versuchen
vom hinterausgang ganz nach vorne zu stürmen
aber sie fallen immer auf ihren eigenen hinterhalt herein
und bleiben ihren alten wachen träumen treu

t weiß bescheid
aber sie hat es satt bescheid zu wissen
sie möchte eine luft atmen die nicht ausbleiben kann

sie nippt an ihrem kaffee
schaut hinaus
ihre augen und ihre sätze die alle windbeutel dieser welt stillen
wenigstens jetzt um diese zeit
in der die nacht sich neben die kieselsteine legt
und nicht weiß wer ist jetzt schmutziger du oder ich

wo die stromakrobaten von einer neuen welt schwatzen
nur weil sie nicht ausreichend frankiert sind halten
sie sich für etwas besonderes
diese schaumträger muss man in ruhe lassen
sie spielen ja bloß mit ihren holzklötzchen und tun niemanden weh

t möchte gerne alle erinnerungen verlieren
sie möchte in die dunkelheit tauchen
um etwas neuem zu begegnen
es darf ruhig eine andere stunde sein
ein anderer tag
eine andere decke oder ein mensch neben einem
der einen denken lässt
so könnte es immer sein
so vertraut

so klein ist die welt
dass man sie auffangen kann
ohne dass sie es bemerkt

20
Feb
2008

Nichts ist Paris

(Für R.Q und Sabi )

Paris1 *
paris ist eine schlammschlacht die
nie zuende gehen will
wenn dort ein vogel von einem fluss
getroffen wird
steht es am anderen tag nur nicht
in der zeitung weil man sich gerade
um die butter bemüht die man vergebens
auf den baquettes finden wird
überhaupt ist paris ein kleines vögelchen
den winter dort zu verbringen ist nicht schön
die metro wird dauernd bestreikt
der fluss glaubt er wäre das seine
und der eifelturm sieht so beschränkt aus
dass man meinen könnte
man befindet sich in worms oder in irgendeiner ganz anderen kürbisgegend
für einen pariser vogel geht der traum nie zu ende
er redet immer vom gleichen fluß
er flüstert dem hinabrollenden käse zu
jedem das seine
die spassigen ränder
wo das feuer blitzt wie von einer nacht angetrieben
ein unbekannter schriftsteller den er selbst dann nicht aussprechen kann
wenn andere längst über ihn stolpern und da liegen und den
schriftsteller fragen
wie siehts mit deinem ersparten aus
paris ist ein monokel
es ist nicht schön dort zu sein
viel schöner ist es irgendwo
man muss diesen ort nicht kennen
aber man muss wissen dass es ihn gibt
dort gibt es räder die sich nicht um die windstille kümmern
die bleiben einfach stehen und schauen sich
eine lawine an
die schleimigen männer sitzen in paris in den cafes
und oh la la wenn eine kommt die einem von ihnen gefällt
zischen sie laute hervor die dem eifelturm nicht einen einzigen parkplatz einbringen
so ein mist
der schriftsteller der so unbekannt ist dass ihn keiner aussprechen kann trägt große schuhe
sie sind viel zu groß für paris
aber das weiß er nicht der schriftsteller
denn er ist schon seit ein paar jahren tot


Hier gibts das Bild in voller Größe

Sabis Paris

*= ein grandioses bild von der Sabi

der 105te

(für R.Q)

Raymond-Que*

ich ging in ein kino
luise war auch da
sie saß vier schritte hinter mir
ich rief
luise ich bin hier
sie bewarf mich mit olivenkernen
sie sagte
ich habe zahnschmerzen geliebter
ich liebte sie so sehr
sie hatte einen blauen kugelschreiber
aber dann begann der film
es ging um ein kind und
eine metro
die metro wurde bestreikt
und das kind war traurig
auch wollte das kind alles wissen
aber die beschissenen erwachsenen behielten alles für sich
ein kutscher tauchte auf der almosen für sein pferd eintrieb
später trieb er das pferd an...(gebärde)
und dann lag eine frau und ein mann auf einem klavier
später saßen sie im cafe und redeten davon wie sie auf dem
klavier lagen
als sie wieder auf dem klavier lagen redeten sie davon
wie sie im cafe saßen und als sie wieder im cafe sitzen wollten war
das cafe geschlossen und zwar für immer
ein paar tulpenverkäufer standen am ring
ich flüsterte luise bist du noch da
olivenkerne platzten auf meinem kopf
das licht ging an und ich ging nachhause
als ich zuhause war sah ich aus dem fenster
traktoren fuhren dran vorbei ohne das haus zu streifen
es roch nach frikadellen und frischen erbsen
es roch nach den jahren die dahingingen
das telefon klingelte und ich wusste dass es luise war
sie sagte
du hast bestimmt gewusst dass ich es bin
sie kicherte
ich wusste sie hätte mir gerne ein paar olivenkerne auf den kopf geworfen
aber aus irgendeinem grunde wusste ich dass sie keine mehr hatte


*=Katja hat dieses sensationelle Bild gemalt

19
Feb
2008

...

"Sagen Sie mal, was Sie mir da erzählen, ist ja mordsmäßig idealistisch"

Raymond Quendeau, herausgefischt aus dem Roman ODILE
erschienen vor langer langer Zeit bei Fischer

...

pari

oh

(für Raymond Queneau)
Paris*

oh pari
pari
immer fort
die ungewissen feuden
pari
wie lang
so kurz
so fein
pari
wie leis
wie leis
wie leis
wie leis
pari
pari
pari
wie leis
wie leis
wie leis
und oft
oft
oft
im cafe
im cafe
o la la
o la la
da ist ein gebärde
jedem das seine
die seine als fluß
die seine als schwer zu nehmende metapher
pari
pari
wie oft
so leicht
so leicht
so leicht
als hätte man nur einen fuß
und der trage einen davon



* vielen Dank an Pierre S

18
Feb
2008

queneau

gar nicht übel dachte sie
eigentlich zum wegsehen
aber nicht übel zumal
wenn ich ihn mir vorstelle
mit einem anderen gesicht mit so einem feinen gesicht
einer nase die nicht wie ein reisauflauf ausschaut
das könnte doch einer sein
warum denn nicht
und geboren ist er auch
jetzt muss ich los
muss über die andere strassenseite
denkt sie
muss ihn erreichen
seine hände berühren
muss ihn fragen
was los ist
wie es um das gemeinwohl steht
ich werde ihn nach seiner lieblingsfarbe fragen
und was er von queneau hält
ob er ihn kennt
ob er ihn kennt
oh all diese gedanken
denkt sie
all diese gedanken die nichts voneinander wissen
die quer im kopf liegen
als wüssten sie nicht dass das verboten ist
oh ich werde ihm winken
und er winkt zurück
er geht mir auf die nerven
warum reizt er mich so
er hat eine hose an
das hatten wir nicht ausgemacht
aber er wird den ahnungslosen spielen
wir werden lange spazieren gehen
er will mich bestimmt rumkriegen
was denn sonst
warum trifft er sich sonst mit mir
ich gehe jetzt
denkt sie
ich geh über die andere strassenseite
aber ich muss warten
die autos halten nicht an
sie nehmen keine notiz
jeder muss irgendwohin
und jeder glaubt
er kenne das ziel
das ist das furchtbare das jeder glaubt er kenne das ziel
und ich bin hier und er auf der anderen und er winkt
ich winke auch
wir sind vollkommen verrückt
und inmitten unseres verrücktseins
der verkehr
er will den verkehr auch
er will ihn mit mir
das kann man gut sehen
das kann man an der art sehen wie er winkt

ich winke
winke ihr zu
sie hört es
sie hört wie ich winke
sie winkt zurück
sie muss nur noch über die strasse
ob sie mit mir sex haben möchte
hoffentlich nicht
ich kann es nicht so gut
ich stell mich immer an
aber wir könnten etwas essen
und ich könnte tolle sachen sagen
sie sieht gut
sie ist überhaupt gut
wir haben uns noch nie getroffen
aber am telefon
es fehlte oft an kleingeld
aber eine rolle spielte auch das nicht
am ende obsiegt die liebe
ob sie meine nase mag
ob sie der quell der weisheit für sie ist
bislang hat allen frauen meine nase gefallen
so viele waren es nicht
aber mehr als es flüsse gibt in der stadt
wenn man die bäche nicht dazuzählt
das tut man doch nicht
das tut man doch nicht oder?
sie winkt immer noch
sie trägt einen bh
das kann man gut sehen
schade dass sie nicht durchkommt
es wäre schön wenn sie durchkommen würde
wir würden uns vielleicht mögen
einige zeit gingen wir spazieren
es wäre sehr romantisch
auf dieser brücke lässt es sich gut gehen
aber für einen spaziergang reicht sie nicht aus
ich habe irgendwo in meiner jackentasche einen zettel
da steht ihr name drauf
was ich nicht alles in der jackentasche habe
eine faule olive und einen taschenrechner
was will ich bloß mit dem taschenrechner
will ich die chancen ausrechnen die ich bei ihr habe
da ist der zettel
ihr name ist
queneau

A comme Arithmétique






und ich kann kein französisch :-(

Zazie dans le métro - Trailer

logo

Der Himmel ist überall

Counter

Meine Schätze


Thomas Pynchon
Gegen den Tag


Elfriede Jelinek
Die Kinder der Toten.


António Lobo Antunes, Maralde Meyer-Minnemann, Maralde Meyer- Minnemann
Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht.


Leo N. Tolstoi, Leo N. Tolstoj, H. Röhl
Anna Karenina


Alexander S. Puschkin, Alexander S. Puskin
Jewgeni Onegin.


Salman Rushdie, Karin Graf
Mitternachtskinder.


Gertrude Stein, Franz E. Walther
Die Welt ist rund


Gabriel García Márquez, Curt Meyer-Clason
Hundert Jahre Einsamkeit.






Michail Bulgakow, Ralf Schröder, Thomas Reschke
Der Meister und Margarita.


Thomas Bernhard
Auslöschung. Ein Zerfall.



Fjodor M. Dostojewski, Hans Ruoff, Richard Hoffmann
Die Brüder Karamasow


Marcel Proust, Luzius Keller, Sibylla Laemmel, Eva Rechel-Mertens
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 1-7



Archiv

Juli 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
10
11
12
13
14
15
16
17
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 

Raymond Queneau
Blaue Blume
christine lavant
das summerische tagebuch
Der magische Realismus
der zwirnvogel
Die Bearbeitung des Heizstuhles (Gedichte in verschiedenen Fassungen)
eine frau
Elke erzählt
erinnern
Frühstück im freien
Gregor Samsas Krabbelgedichte
Heinz
Mein kleines Tagebuch
Meine DichterInnen
Strichmännchen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter