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DerZeiger

26
Jan
2009

Der Zeiger (6)

ich möchte mundharmonika spielen
und mich entschuldigen
ich habe rosenlimonade
gesagt und
rosenlimonade bekommen
ich habe sie nicht getrunken
ich habe sie in die tasche gesteckt
ich hab den nichtbestellten schnaps getrunken
habe mir einen hut aufgesetzt und
habe mundharmonika gespielt
ich habe der frau neben mir erzählt
wie sehr ich sie liebe diese stunden in denen man sich fragt
was das alles soll
sie hat sofort begriffen was ich meine
aber gegangen ist trotzdem
ich hab die nacht unter dem schleier meines vergessens verbracht
ich träumte ich säße neben ihr
wir waren nackt wie die tauben
ich gab ihr das glas rosenlimonade
und sah wie sie sich zu enem lächeln bewegte
wenn ich bloß an ihren schatten denke
bekomme ich lust es in die luft zu malen
die kreise der nacht
die berührung die man fallenläßt
einen schnaps noch sage ich zum wirt
der gähnt und gibt mir einen
ohne dass er aufhört das fenster zu putzen
ich frage ihn mit welchem schnaps er das tut
und er sagt
mit jugoslawischen slivovitz mit was denn sonst

Der Zeiger (5)

es ist tag und ich unruhig
kein glas mehr und ich
hab beschlossen
nicht mehr aus der flasche zu trinken
so ein unfug
und trotzdem halte ich mich daran
ich greif zum handy wähle eine nummer
es ist daniel kehlmann
ich lege wieder auf
der kann mir auch nicht helfen
ich rolle mich ab
nehme mich in den polizeigriff
ich sage
gestehe das alles nur ein scherz ist
ich sehe unter einem dachlappen nach
nichts
kein glas
ich gehe zu meiner nachbarin
ich bin ihrem hund nicht unähnlich
sie läßt mich herein
gibt mir wasser zum trinken
ich lese in ihren augen jede menge zuversicht
ich frage mich woher sie die nimmt
ich verlasse sie wieder
sie bemerkt es kaum
ich füttere die tauben mit brotkrummen vom nächsten tag
ich lasse mich hinter den feldern fallen
ein paar faltentiere liegen schon da
und bemühen sich den mund zu halten
sie fliegen davon als sie bemerken dass ich alles aufschreibe
auch ihr gähnen und ihre hundsmiserable art zu verstehen
dass die welt nur zum verlassen da ist
da sehe ich von weitem einen mann auf einem gartenstuhl sitzen
schon von weitem kann ich erkennen dass er zwei gläser hat
und sich nicht entscheiden kann aus welchen er trinken soll
ich sage
guten tag und er begrüßt mich ebenso
die lichter im wald fangen an zu blühen
tiere erwachen und wecken das gemüse dass sie dort vergraben haben
während ich den alten auf ein glas anspreche
er nickt
sagt
such dir eins aus
ich lächle und denke das ist doch leicht
aber aus irgendenem grunde kann auch ich mich nicht entscheiden
schnell besorge ich einen zweiten gartenstuhl
sitze bei dem mann und starre auf die gläser

25
Jan
2009

der zeiger (4)

morgens zu erwachen das ist schlimm
deshalb erwache ich auch nicht
ich stehe erst um zwölf auf
hole aus dem schlaf noch ein paar betrunkene tropfen
und stehe dann auf
in der küche steht eine flasche selbstgebrannter
ich öffne die flasche und nehme einen schluck
das ist eine verdammte rosenlimonade denke
ich und falle nach draußen
ich gehe in meine kneipe
bestelle schnaps
der wirt hat sich in den finger geschnitten
ich erzähle ihm von dem typen dem
das gestern passiert ist
er hat sich die pistole genommen
und hat den finger beschossen
irgendwann hat er aufgehört zu bluten
der wirt lacht und gibt mir einen schnaps

der zeiger (3)

das telefon klingelt
ich geh dran
es ist franz
ob ich nüsse für meine frau hätte
ich sage
geht in ordnung
ich sitze am tisch
ich beschleunige das tempo was das trinken angeht
ich schnappe mir die nüsse und gehe nach unten
meine frau macht auf
franz hält sie im arm
komm rein sagt sie
seit sie mit ihm zusammen ist
ist sie sehr freundlich zu mir
sie fragt
ob ich schnaps will
und ich sage
du weißt doch dass ist das einzige getränk dass ich verstehe
sie lacht
sagt
du bist verrückt alter
du bist wie so ein typ in diesen gedichten
du rasierst dich auch nicht mehr
und trotzdem bist du viel putziger als franz
franz küsst sie
er legt sich die worte zurecht die er dann doch nicht ausspricht
ich geh wieder nach oben
dort fragt mich der schnaps schon ganz ungeduldig
wo warst du solange?

der zeiger (2)

laufe die treppen hoch bis zu den stiegen
die treppe wieder runter
denke heilbronn
wundere mich
gehe wieder hoch bis zu den stiegen
bis zu den stiegen denke ich
meine nachbarin sie hat heute zweimal dieselbe mütze aufgehabt
und ihr hund begleitete sie
sie fuhren beide mit dem rad
sie und der hund
ich stocke
denke wieder heilbronn
gehe nach unten
die treppe wird weicher
weich wie das ganze noch übrige leben
warum steht nicht alles auf dem kopf
ich gehe wieder hoch bis zu den stiegen
das viele gehen macht mir nichts aus
ich denke an den teppichverkäufer
der sitzt jeden tag in derselben kneipe wie ich
er rechts; ich links
manchmal zählen wir die ameisen die hinter uns her sind
dann bestellen wir noch einen schnaps
ich gehe wieder nach unten
ich denke an bochum
ob dort auch jemand wohnt
ob man dort wohnen kann
oder kann man von dort aus nur singen
ich gehe wieder nach oben bis zur stiege
ich denke nicht heilbronn
ich denke nicht bochum
man kann bochum nicht denken
man kann heilbronn nicht denken
man kann nur denken
ich will einen schnaps aus jugoslawien
aber jugoslawien gibts nicht mehr

der zeiger (1)

ich sitze im knast
bald
bald wird man kommen
man wird mit heller stimme rufen
meinen namen
man wird ihn kennen
man wird alles wissen
ich werde sagen
herr wirt einen schnaps
aber man wird ihn mir nicht gestatten
der wirt wird sagen
aber der herr hat einen schnaps bestellt
man wird ihm sagen
seien sie still
der wirt wird sich das nicht gefallen lassen
er wird die pistole herausholen
und auf sie schiessen
sie werden da liegen
der wirt wird mir einen schnaps geben
und sagen
der geht aufs haus
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