Elke erzählt

30
Dez
2008

elke erzählt

„Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“
Leo Tolstoi aus Anna Karenina






ich lausche dem tauben klang der erbsenzähler
sie wohnen unten und sind unglücklich
alle sind unglücklich
jeder ist unglücklich und jeder auf
seine art
nur die glücklichen taugen zu nichts
sie sind glücklich
aber sie sind auf die immergleiche art glücklich
sie sind eigentlich unglücklich
aber sie leben so
sie leben seltsam
und ich beneide sie
ich beneide sie ein wenig
weil sie so seltsam leben
und ich das seltsame mag
und ich denke
ich möchte auch glücklich sein
und ich öffne das fenster und fang mir was ein
und ich sitze auf einem stuhl und es ist okay auf
einem stuhl zu sitzen
und er ist auch da und das macht mich
glücklich
und auch seine frau ist da
und seine kinder
und seine kinder fragen mich nach ranziger butter
und ich sage
dort ist der kühlschrank
und sie klatschen in die hände
und bellen wie die kleinen hunde es tun
wenn sie einen bunten nagel in der luft fliegen sehen
und ich sage zu dem mann
das ist also glück
und der mann flüstert mir zu
ich wäre auch lieber mit dir ganz alleine
und ich nicke weil mir nichts besseres einfällt
und die frau fällt über meine blicke her
sie schwebt fast
dann hält sie es nicht mehr aus
und sagt
wollen wir nicht zu mir
und ich gehe zu ihr
und da sitzt ihr mann
und ihre kinder
und der kühlschrank ist voller balladen
und ich sehe sie an und sie sagt
es macht mich doch genauso ratlos wie dich
aber mich macht es gar nicht ratlos
ich drehe einfach nur am rad
ich weiß einfach nicht was ich tun soll
und das macht mich glücklich
oder undankbar
vielleicht sollte ich es hinausschreien
die luft anbrüllen
nun schick mir doch schon diesen prinzen
damit ich ihn rollen kann
und es klingelt und ich öffne die türe
und da steht ein prinz
und er sagt: es hat ein bisschen länger gedauert
und ich denke okay; es ist okay dass es gedauert hat
und wir sitzen so rum
und weil er für sex keine zeit hat schreibt er alles auf
und ich lese seine gedanken und werde ganz müde
ich lege mich ins bett und stell mir vor
dass diese augen mich betrachten
und ich möchte dass er sie schliesst und
mir die welt erklärt
aber die welt kann man nicht erklären
man kann sich in staub auflösen
aber die welt erklären das ist nicht drin
ich steh also auf und bin unglücklich
jeder ist unglücklich
und jeder auf seine art und
ich springe tolstoi an
weil er alles schon beschrieben hat
weil die welt einfach nur vor diesem buch stehen muss
um dann zu hauchen
ach, das sind ja wir
wir mit unseren augen wie taucherbrillen
wir atmen darin
wir schweigen
und wenn es nicht mehr geht
rasen wir zornig durch die strassen
und springen
auf den nächsten ankommenden zug
der morgen und die hände
die taube sprache die dazwischensitzt und schweigt
die nacht
in der die fallenden begraben daliegen
und sie bekommen nicht mal mit
wie man die köpfe über sie schüttelt
vielleicht ist auch das glück
wenn’s nicht so unglücklich aussehen würde

26
Okt
2008

Elke erzählt es

gut. da war nichts
da war nicht einmal ein stoppschild
da war nur das meer
ich dachte spring rein verdammt..
ich sprang..ich sprang verdammt noch mal

es war ein flauschiger nachmittag
oder wie es bei italo svevo heisst

nein nicht bei italo svevo
sondern in mir
etwas wühlte sich auf
gierte nach luft
wollte ungeniert herumflattern
aber jedes mal wenn ich diese bewegungen machte spürte ich dass etwas außerhalb von mir
auf einem ziemlich billigen stuhl saß und mich stoppte

ich schwamm; ich schwamm einfach weiter
bis ich aufhörte zu schwimmen würde ich längst angekommen sein

ich sah eine insel; sie war noch weit
es war warm; die sonne schien und niemand weit und breit der mich retten wollte
nur diese insel und eine winkende hand

es ist nicht erlaubt winkende hände zu erwähnen
oder wie heißt es bei italo svevo...

nun aber schnell
schnell die winkende hand auf der insel erwähnen und dann nichts wie hin
nichts wie drauf
sich auf sand legen
sich müde ausgestreckt auf den sand legen und träumen
ich liege in meinem bett und ich bin zwölf
mein vater ist bei der armee aber er wird nicht eingezogen
dann aber doch
weil kein krieg ist darf er den zoo bewachen
er muss auf die nashörner aufpassen die auf ihn aufpassen
und meine mutter trinkt einen haschtee und sagt gute sachen
und erklärt was italo svevo damit meinte wenn er schreibt.....

ach kluge mama
ich mag nicht zitieren
ich mag erwachen
ich mag auf dieser insel aufwachen und der ist es egal wer ich bin

wach auf flüsterte wer
wach auf schöne frau
oh nein
ich erwachte es war keine insel
es war ein mann der dabei war alles zu verderben

was für eine klassische situation sagte er
und ich brummelte
ja scheint so
und er hält diese winkende hand in der hand
sie winkt auch jetzt noch

der mann ist okay
gut
er hatte keine visionen
keine zukunft
er trug mich auch nicht zu irgendeinem ort
umschüttete mich glasperlen
nein
er sah mich nur an
und das gefiel mir nicht

ich erwachte
ich traf einen mann
er sagte
du siehst wirklich klasse aus
er lud mich ein
sagte
das ist mein bruder
der saß neben mir
und lächelte
er las italo svevo
er dachte
es bereite nir kummer wenn er das buch weglege
ich sah mir ein aquarium an
ich brachte den fischen das sprechen bei

einer der zwei fragte
ob ich lust hätte mit ihm angeln zu gehen
der andere aber wollte mir sein poesiealbum zeigen

er sagte
wenn du willst können wir es hinterher tun
was meinst du fragte er
er machte eine zeichnung
ich wusste nicht was er meinte
er flüsterte es mir ins ohr
ich wusste nicht was er meinte
er verschwand

es war alles wie bei svevo
nur anders

15
Okt
2008

Die surreale Elke erzählt

jemand hatte seine geldbörse auf der strasse liegen lassen
ich hob sie auf und dachte
wenn ich sie zurückgebe bin ich genauso pleite wie vorher auch

dächer verschoben sich
der himmel zog auf
ich lag ganz alleine auf einer schneedecke
hinter mir und vor mir
kehrten ein paar schaulustige die strasse
ich drehte mich um

ich war eine soldatin in irgendeiner dieser gebiete
ich schoss auf einen lakritzschneckenbaum

berge verschwanden, die sehnsucht verschwand;
meine verwandtschaft tauchte auf; sie saßen auf langen tischen und aßen einen fisch immer wieder auf
sie murrten und knurrten und der fisch machte große staunende augen

immer wenn er aufgegessen war dachte ich
das wars jetzt fisch
aber er tauchte immer wieder auf
erst spät bemerkte ich wie falsch ich gelegen hatte
denn nicht meine verwandtschaft aß den fisch auf
nein
der fisch aß meine verwandtschaft auf

es wurde immer heller und genauer
die morgensonne blendete mich
ich schaute in die geldbörse hinein
dort lag ein halber cent
er war seitlich geknickt
das rührte mich

30
Aug
2008

Elke erzählt

gib mir eine zigarette sagt er
ich laufe los und besorg ihm eine
er sitzt in einer windmühle fest
er komm nicht raus
er hat dieses papier in der hand
er sagt
steck sie mir in den mund
ich steck ihm die zigarette in den mund
ich sage
brauchst du feuer
ich frage ihn
geht es dir gut
er sagt
es geht mir nicht gut
es geht mir nicht gut
du bist zu schön
sagt er
wie kann es einem da gut gehen
ich sage
ich kann mich hässlich machen
pass auf
gleich bin ich hässlich
er schaut mich an
die zeit vergeht
sie vergeht wie ein flug vergeht
und ein flug kann dauern
er sagt
wo bist du
ich frage
schmeckt die zigarette
ja
sagt er
ja
aber du musst sie mir anzünden
er sagt
du bist immer noch so schön
ich sage
nein
jetzt bin ich nicht mehr schön
ich gebe ihm feuer
er raucht
er würde gerne husten
würde gerne etwas vortäuschen
ich würde mich gerne täuschen lassen
ich sage
huste doch
er probiert es
es gelingt ihm nicht
ich kann nicht sagt er
ich bin zu krank
ich bin zu krank um zu husten
das sagt er
und später sagt er mir alles
alles was man sagen kann
er sagt
geh
geh weg von mir
ich kann das nicht
sagt er
du musst weggehen
ich will dich ansehen
wie du dastehst wenn du mich nicht mehr siehst
verlass mich nicht
sagt er
die trauben hängen windschief
die äpfel suchen das weite
jeder
aber auch jeder sucht seine entfernung
nur ich bleibe wo ich jetzt nicht bin
ich stehe dort aber ich bin dort nicht
er kann mich gut sehen
aber er berührt mich nicht
und er berührt mich nicht weil ich weg bin
ich bin weg aber ich stehe direkt hinter ihm
und schnapp
schon fass ich ihn
ja ich fasse ihn aber ich berühre ihn nicht
er sagt
berühre mich
aber er erwartet nicht dass ich es tue
und ich kann es nicht tun
ich bin woanders
ich stehe direkt neben ihm
fast vor ihm
ich lächle
aber er mag es nicht wenn ich lächle
er sagt etwas
er möchte vielleicht noch eine zigarette
aber ich versteh ihn nicht
er ist davongeflogen
er zittert
seine augen erinnern sich an diese nacht
wir kamen zusammen um uns alles zu holen
aber es reichte nicht
unsere hände berührten etwas
aber das waren worte
wir legten diese worte zur seite
und wurden unsichtbar

15
Aug
2008

Elke erzählt

ich wollte an diesem abend nicht alleine sein
ich wollte aber auch niemanden bei mir haben
keiner der mir irgendeinen mist erzählte
wie gut mein haar roch und wie gerne
er gerade jetzt meine haut streicheln würde
ich wollte meine ruhe und ich wollte lärm
alles sollte gleichzeitig geschehen
ich sah aus dem fenster und es beruhigte mich
dass die busse noch fuhren und die menschen
mit ihren spazierstöcken über das schwere leben
redeten
der mond war nicht zu sehen
aber ich war mir sicher
irgendwo würde er stecken und das beruhigte mich
beruhigt war ich also nun zu genüge
nun müsste endlich etwas anderes geschehen
zum beispiel könnte der neue nachbar bei mir klingeln
und fragen ob ich etwas mehl für ihn hätte
und tatsächlich
es klingelte jemand
aber als ich öffnete war ich enttäuscht
es war tatsächlich mein nachbar und er wollte wirklich mehl
und der dumme mann erklärte auch noch warum
er hatte versprochen für seine liebste einen rosinenkuchen zu backen
an die rosinen hatte er gedacht
aber an das mehl...
ich gebe ihm salz
es sollte ein scherz sein
aber er
er nahm das salz und bedankte sich
ging aus der türe
bedankte sich noch mal
ich schwieg
warum sollte ich etwas sagen
ich musste den kuchen doch nicht essen

11
Jun
2007

Ein Hörbuch und eine Bilanz

Zwei Jahre ist nun schon wieder her, da erschien Elke erzählt.
Im Internet passierten mir wie soll es anders sein, die merkwürdigsten
Dinge. Ja, Elke erzählt wurde gehasst, nicht wegen Elke da bin ich
mir sicher, sondern wegen Jo und nicht weil Jo so schlecht spricht, nein im Gegenteil, sie spricht einfach zu gut.
einige Rezensionen gab es, ein mal in der Federwelt, im Giessener Anzeiger und in der Giessener Allgemeine.
Wichtig aber ist mir immer noch das Zustandekommen dass mir noch immer vorkommt wie ein Märchen.
Jo Kern hieß im Jahre 1993 noch Judith Kernke und spielte in zahlreichen Serien. Ich fing damals mit einer WG Serie an, anlass dazu war die RTL Serie "Unter uns", ich ärgerte mich so über die grottenschlechten Dialoge, dass ich sofort anfing zu schreiben. Gottseidank wurde daraus etwas sehr anderes als "Unter uns."
Elke spielte die Hauptrolle in dieser WG-Serie, sie war der Dreh und Angelpunkt und alle Männer waren verrückt nach ihr.
Natürlich hatte ich schon damals den Ehrgeiz genau dieses Wesen (Elke), mit allen nur erdenklichen Attributen von Schönheit auszustatten. Sie las, sie spielte Fußball und sie war eine schöne Frau, die schon einmal (sie tut es wohl immer noch) auf den Tischen tanzte.
Die Figur gibt es, ich meine die Frau. Einst studierte sie hier in Giessen, fand eine ziemlich gute Stelle in Heidelberg und fand nun noch eine bessere Stelle in Aachen.
Was das also angeht, sind Elke und nennen wir sie ruhig beim Namen, Ilka wahrlich Welten voneinander entfernt.
Den Namen bekam Elke übrigens von einer Buchhändlerin, die in einem sehr kleinen, aber sehr sehr feinen Buchladen arbeitete.
Nun, eines morgens (und nun kommt eine vierte Frau hinzu) las ich die Giessener Allgemeine und fand darin eine TV-Zeitschrift und auf dem Titelbild war Judith Kernke und Herr H, fing an zu spinnen, wenn meine WG Serie eines Tages verfilmt wird, spielt Judith Kernke die Hauptrolle.
Nun, die WG Serie machte ich ziemlich lange und von einer Verfilmung war niemals die Rede, aber von Judith Kernke.
1997 zog ich um und nicht nur dass, ich bekam auch diesen Internetanschluß der mich in eine wunderlich absurde, aber durchaus auch öde Welt, voll Größenwahn und seltsamen Spielchen brachte. Aber Judith Kernke war auch da, sie hatte eine Homepage, man konnte sich nicht nur die Bilder anschauen, man konnte auch ihre Malereien anschauen und man konnte ihr schreiben und ich schrieb ihr und sie schrieb nicht zurück.
Aber dann doch, immer mal wieder, meist Smilies oder ein "schön".
Eines Tages, eines Monates, eines Jahres fragte ich sie per email, ob sie sich vorstellen könnte meine Gedichte in einem Studio zu lesen, vielleicht ließe sich daraus ein Hörbuch machen.
Ich hatte überhaupt keine Ahnung wovon ich redete. Aber sie sagte, ja, gerne.
Und dann war ziemlich schnell klar, dass sie die Elke erzählt Texte lesen würde, ich schickte sie ihr und sie gefielen. Sie kam nach Giessen und las.
Ich will nicht erwähnen wie großartig diese Frau aussieht, allerdings habe ich das nun doch getan, ich will über das schreiben was dieses Projekt bis zum Ende (es gibt ja gar kein Ende) auszeichnete. Es war ein Projekt zweier die verschiedener nicht leben konnten und trotzdem traf man sich und man traf sich weil man sich scheinbar treffen sollte.
Ich habe das was ich hier geschrieben habe schon einmal aufgeschrieben, vielleicht werde ich es in drei Jahren wieder schreiben, vielleicht gibt es bis dahin ein neues Hörbuch, das übrigens ohne "Zuhörer", trotzdem nicht entstanden wäre. Denn das Hörbuch, so preiswert es ohnehin schon gewesen war, hätte ich mir niemals leisten können, wenn nicht einige viele, dieses Hörbuch vorbestellten und im voraus dafür zahlten.

Es ist ein Hörbuch dass mir immer dann einfallen sollte wenn ich mich zu arg und völlig idiotisch über Selbstdarsteller im Internet ärgere, wichtig am Ende
ist das menschliche und die Kunst, alles andere ist nichts. :-) na ja.......
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walhalladada - Sa, 7. Nov, 13:46

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