Meine DichterInnen

28
Okt
2007

Puschkin

er schaute sie beleidigt an
es gab keinen grund sie so anzuschauen
und doch

sie hatte ein gewürzregal gekauft
es war billig
sie sagte es ihm
ganz warm waren ihre worte
als gingen die worte anschließend baden

so nackt waren sie
die worte
dass sich ihre gänsefüßchen ineinander verkeilten

er hatte diesen traum gehabt
sie hatte sich in diesen dichter verliebt
er war schon seit hundertsiebzig jahren tot
und doch versagte ihre stimme jedes Mal
wenn sie seinen namen in den mund nahm

Proust

literatur ist ein geschenk
man bekommt es nicht hingeworfen wie eine mütze die man eigentlich gar nicht aufsetzen mag (für eine flucht allerdings wäre diese mütze ein großer lohn, man könnte sich immer erinnern wenn man ankommt, aber wer kommt schon an wenn er nach einer flucht nicht mehr weiter weiß)
die hungrigen fische knappern an den schiffen
am meer knabbern sie nicht
denn das sind wolken aus tränen
die sie fürchten wenn die nacht sie einheimst
sie zudeckt mit schweren gedanken
wären sie nicht so festgebunden in die randnotiz eines beckens
sie würden die ganze welt verwandeln
und sie würden die ganze welt so verwandeln wie sie jetzt gerade ist
niemand würde den unterschied bemerken
und trotzdem wäre da eine veränderung und das ist literatur
das ist der zauber der verschwindet wenn du immer nur die türen öffnest
die du schon kennst



http://www.dmpg.de/cpa/illiers.html

13
Apr
2007

An Christine Lavant ...

"Menschen können gut ohne Gedichte sein aber ein Gedicht nicht ohne Menschen"
Christine Lavant


der angst begegnen (ohne sie zu erkennen)

warten
zwischen den sätzen

der morgen der vergessenen
den sätzen die man leichter verläßt als die zeilen einer dichterin
sie zu berühren; läßt etwas helles dort wo es dunkel endet

15
Mrz
2007

Was zu beweisen wäre

„Machen Sie kein allzu schiefes Gesicht beim Lesen dieser Verse“
Arthur Rimbaud in einem Brief an Theodore De Banville



ich erwache
besser noch
ich bin erwacht
ich bin jedesmal neu erwacht
ich drehe mich um
und bin erwacht
manchmal erwache ich vorher schon
das ist ein spaß
ich erwache bevor ich erwache
das ist ein spaß
ich schaue mich dann an
und erwache
ich erwache im moment des schauens
ich schaue und erwache
aber manchmal verfehle ich den zeitpunkt auch
dann erwache ich und schaue dann erst
meistens bin ich dann durstig
schon immer wie man mir sagte
ich war ein durstiges baby
ich war ein durstiges kind
ich war durstig als jugendlicher
ich aß zwiebelbrötchen um zu weinen
wenn ich nichts zu trinken hatte
legte ich meine tränen ins brötchen
aber heute mache ich das nicht mehr
manchmal bedaure ich alles
auch das schlechte und das unruhige
vorallem das unruhige bedaure ich
ich möchte es gerne zusammen sammeln und einstampfen
aber wäre das möglich
und würde ich es wirklich tun wenn es möglich wäre
es ist ja nicht möglich
aber wenn es möglich wäre würde ich es tun
aber wahrscheinlich nicht

14
Mrz
2007

Eine Lügengeschichte

es war am siebten märz neunzehnhundertachtzig, als ich in ein zugabteil einstieg in dem der dichter thomas bernhard ein buch las. natürlich wollte ich ihn nicht sofort auf das buch ansprechen, ich wollte ihn auch nicht darauf ansprechen dass er thomas bernhard sei, er selber wusste es doch viel besser als ich, er selber musste ja wissen, dass er thomas bernhard ist.
ich setzte mich ans fenster und saß ihn so gegenüber. er las immer noch in seinem buch und ich konnte immer noch nicht erkennen welches buch er las, denn das buch war weiß.
ich schaute nach draußen, gewahrte hölzblöcke über holzblöcke gestapelt von jungen bauern die, man konnte es gut erkennen, irgend ein harmloses lied pfiffen.
ich murmelte etwas, ich weiß nicht mehr was, jedenfalls dachte ich, er würde aufsehen, würde mich ansehen, würde mich vielleicht etwas fragen, aber er, er las weiter im buch und tat so, als würde er mich nicht kennen.

13
Mrz
2007

(ein Versuch) an Christine Lavant




ihre augen sehen uns an als wollten sie sagen
und was erwartet ihr jetzt von mir

der geschlossene mund
der bereits angekommene satz
bewegt sich hin und her

die dichterin trotzt der kamera
und es freut sie
dass die nicht alles erfassen kann

ein kahler baum im hintergrund
ein w(ach)es gesicht
die augen füllen das wort
das gedächtnis sucht den auslöser
und die hand schreibt alles auf

in ihrem kopf brennt es lichterloh
deshalb trägt sie meist ein kopftuch
damit man ihren brand nicht löscht
und ihr gesicht in ruhe lässt
das eine
das einzige dass man ihr gab




vielmals bedanken möchte ich mich für die Genehmigung (die "Benutzung") des Bildes von Christine Lavant bei
Dr. Annette Steinsiek M.A.
Forschungsinstitut Brenner-Archiv

http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/lavant/bio.html

20
Feb
2007

Für diesen

"Erzählen Sie mir von Bernhard, wo wohnt er? Wie ist er?"
-- Samuel Beckett--


der dichter
natürlich fasst er sich
wieder
das tut er auch
wenn ihm die flüsse
zum schweigen bringen
das tut er
wie es die blätter
tun
wenn sie im meeresrauschen untergehen
der dichter
kleidet sich ein
er kleidet sich auf die bestmögliche art ein
der dichter ist ein einkleider
die worte putzt er
manche sehen schäbig aus
aber er tut es extra
der dichter läßt sie fallen
(er läßt sie auch kreisen
und um eine scheibe brot anstehen
er läßt sie solange um eine scheibe brot anstehen
bis die scheibe verteilt wird
an die hunde
die darauf schon viel länger warten als sie)
ein gefühl weckt den dichter
deshalb steht er auf
er verwandelt die zukunft nicht
denn er hat keine hände wenn er schreibt
fallen die gruben in die nacht und bleiben dort
bis es tag wird (denn es wird ja immerhin wieder tag*)



*= wenn man schon viermal hintereinander warten auf godot sieht, bleibt es nicht aus dass man zitiert, man muss ja dauernd zitieren damit man es nicht vergißt und wehe wenn man es einmal vergißt, oh weh, das wird übel enden

2
Feb
2007

als ich ein gedicht von anne sexton las

dachte ich wie erdig blumentöpfe bleiben
ohne dass sie davon reden
wie leicht man sie bemalen und zerbrechen kann

was würde christine lavant sagen
wenn man beide in ein cafe liesse
sie könnte sagen
schau nur anne
wie hier der irrtum über uns die hand schützend hebt
wie alles plötzlich in uns lacht
als gingen wir auf knien vor ihnen her

es gibt für keinen moment eine beweisaufnahme
kein gesicht ist das gesicht in dass du schaust
und keine träne verändert sich nur weil einer sagt
das ist doch alles nicht so schlimm

noch im fallen brächte ihnen die bedienung einen krug
mit hellen versen
wir haben aber die dunklen bestellt- könnte frau sexton sagen
und die türe schliessen mit ihren blicken

als könnte etwas zerbrechen
etwas das schon sehr lange zerbrochen ist
keine hand die dich führt
keine türe die sich mit blicken schliessen läßt

18
Jan
2007

für Christine Lavant




fast möchte man eins aufs andere sagen
buchstaben einrollen

(wachposten aufstellen)

die grenzen der gräber erkennen

jedes wort einzeln absuchen
die stille hält sie alle wach

vom spiegeln zu reden ohne
sich zu spiegeln

vom rand nur ein sprung entfernt bis zum randsprung

jedes wort einzeln abtasten nach deinen
wachen stillen erkennbaren



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