eine frau

17
Jul
2007

Eine Frau

ich kenne eine frau
die sagt
ich stehe gerne an der autobahn
und warte dass du vorbeikommst
ich höre ihre stimme
egal wen ich frage
man kennt sie nicht
aber
wenn ich von ihr erzähle
sagte jeder
ja
ich habe sie gestern gesehen
sie ist über die andere strassenseite gelaufen
ich stelle mir die andere strassenseite vor
und springe vor vergnügen in die luft
es gibt ein bild von ihr
gemalt von kollegen
da ist sie als spinnenfrau gezeichnet
ich sage nicht dass sie eine spinnenfrau ist
aber
sie befühlt die männer und fällt über sie her
auch über mich ist sie hergefallen
und nun hocke ich in einem tauben spinnennetz
warte darauf dass sie mich endlich verschluckt

eine frau

es gibt eine frau
die mal ein mann war
aber eigentlich
war sie nie ein mann
sie war schon immer eine frau
aber ich kannte sie
als mann und sie redete damals
wie ich über die frauen
genauso
hoffungslos
und überschwänglich
wir saßen in der selben kneipe
und dachten
die liebe existiert nur
in den bierdeckeln
eines morgens
kam sie mit hohen absätzen
in die kneipe herein
keiner drehte sich nach ihr um
jeder sagte nur
das ist doch carsten
aber einer sagte
das ist nicht carsten--was ist mit carsten
hat er den löffel abgegeben?
und sie sagte
ja

16
Jul
2007

Eine Frau

es gibt eine frau
die kann über flüsse gehen
in ihren augen spiegeln sich all
meine zeilen wieder
diese frau liebe ich
manchmal
wenn ich mich bemühe
sie nicht zu lieben
geht es mir besser
ich sitze dann am fenster
und stelle mir vor
ich stehe am gleis vier
der zug rollt ein
schnee draußen
der zug fährt ein
aber das habe ich schon geschrieben
ich rufe sie an
der zug hat verspätung
das macht doch nichts
sagte sie
das macht doch nichts
ich stieg in den zug
der schnee musste draußen bleiben
ich sagte ihr
der schnee musste draußen bleiben
sie hörte das gerne
sie sagte
sprech nicht so mit mir sonst komme ich dich besuchen
stell dir das vor
ich stehe vor deiner türe aber alles was ich erkenne
ist deine nachbarin die über mein klingeln nur gähnen kann
ich stand an diesem bahnhof
es war nicht warm
es war winter
der schnee schneite
hüte gingen verloren
flogen auf die schienen
die mutigen sprangen hinterher
die lebenswilligen taten das nicht
jemand aß eine ganze tafel schokolade
die züge hatten verspätung
ich rief dich an
ich sagte
ich komme später
ja ja
sagtest du
ich heb dir noch ein paar schneebälle auf
jemand atmete
schnee fiel
er durfte nicht mit
ich stieg in den zug
ich sagte
der zug dürfe nicht mit
wer darf nicht mit fragtest du
der zug
oh sagtest du
und was machst du jetzt
ich reise auf einer trillerpfeife
mache kriongel in die luft damit du erkennst wann ich komme
ich lasse schon mal das bad ein sagtest du
der zug fuhr los
es war kein irrtum
der zug fuhr los
ein paar soldaten schossen auf die gefallenen
kein platz
und keine orientierung
jemandes lebenslauf schreiben
irgendetwas am horizont
ich rief dich an und sagte
ich komme gleich
du fragtest
wer bist du

Eine Frau

ich kenne eine frau
sie ist immer müde
wenn ich sie sehe
ist sie beschäftigt
sie liegt auf der wiese und flüstert
ich bin pablo picasso
und jeder der sie sieht glaubt ihr
auch wenn sie eher aussieht wie sie eben aussieht
wenn sie ihre haare abgeschnitten hat ruft sie mich an
sie fragt mich: hast du was vor
und wenn ich sage: ja
sagt sie
dann treffen wir uns spätestens morgen
und am nächsten morgen besuch ich sie
sie fragt mich ob ich sie mag
und ich sage
ich weiß nicht
das wusste ich
sagt sie
mir geht es genauso
ich weiß auch nicht ob ich mich mag
ich lebe eben mit mir
was kann man da machen
man kann da etwas machen
aber das mache ich nicht
denn das was danach kommt
ist ja noch langweiliger

15
Jul
2007

Eine Frau

es gibt eine frau
die schwebt über alle ecken
die graden stellen läßt sie liegen
(die hebt sie erst später auf)
sie will von den umwälzungen der welt nichts hören
sie hört alles
aber manchmal möchte sie es vergessen noch ehe sie es hört
sie hört es
aber sie hat nicht immer lust es zu begreifen
sie begreift es
sie ruft mich dann an und sagt
du bist ein alberner kerl
bring mich hier raus aus diesem labyrinth
ich aber lasse sie noch ein wenig dort
sie pflückt dort rosen
die dornen wird sie mir schenken
sie hört von den umwälzungen
von den reformen die der welt den todesstoss geben
die luft ist weit unten angelangt
das zu begreifen fällt ihr nicht schwer
aber was habe ich davon dass ich alles verstehe
ruft sie mir zu
es ändert sich ja doch nichts
nun reich mir ein seil; ich möchte hinaufkommen
und die ein paar dornen schenken

9
Jul
2007

Eine Frau (104)

liebe ich sehr
ich liebe es auch wenn sie geküsst wird
ich küsse sie nie
denn sie lebt in den fremden städten
meine augen reichen dort nicht hin
aber trotzdem kann ich gut erkennen wie sie hinter den denkmälern von
goethe oder schiller steht und auf ihren liebsten wartet
manchmal reden sie von mir
meistens regnet es danach
ich rufe sie jeden ersten an
frage
ob alles wieder von vorne beginnen kann
und sie atmet auf
fragt
warum ich niemals zu ihr kommen werde
das weißt du doch
sage ich
immer wenn ich am bahnhof stehe
und zu dir will
steige ich in den falschen zug
es scheint für mich nur falsche züge zu geben
sage ich und sie nickt
und atmet noch einmal auf

7
Jul
2007

Eine Frau (103)

es gibt eine frau.
sie weiß nicht ob sie mich haßen soll.
ich saß mit ihr auf einem ast
wir vergaßen die zeit
vielleicht gab es zitronen die an den ästen hingen
oder wir erzählten uns alles so
als hingen sie dort
vielleicht erwachte sie wegen der tränen
wir hatten uns alles bereits gesagt
da wollte sie immer neuere geschichten hören
wir saßen auf einem ast und ich fing an
sie zu streicheln
sie schaute mich an
vielleicht fragte sie deshalb
worin unsere entfernung lag
vielleicht spürte sie
das wir über uns hinauswachsen müssten um so zu bleiben wie wir waren
jede veränderung hatte etwas gegen uns
so leicht wars die kerzen auszublasen
das schweigen des mondes betrachtete uns
wie gerne wir uns auf die lippen bißen
natürlich schmerzte es
wie sollte es auch nicht schmerzen
alles schmerzt wenn es zu ende geht
so standen wir wieder auf dem boden und staunten
wir sahen uns an und du sagtest
wenn du wenigstens so einen blick hättest
den man in die pfütze werfen kann
wir würden warten bis sie trocken ist und aus dem rest
deiner blicke eine welt schaffen die in unsere jackentasche passt
ganz klein könnten wir dort werden
ganz klein und sehr häßlich

Eine Frau

(102)

es gab eine frau
die fischte mich aus dem bach
ich hatte kaum füsse die ich mit ihren worten betreten konnte
ich hatte auch keine idee wie das anders zu machen war
als dass sie mir immer wieder erzählte
wie sie die angel hochriß und mich einfing
aber wie sie mich losließ
das erwähnte sie nie

Eine Frau (101)

es gibt eine frau
sie hasst mich*
sie ruft mich ab
und zu an
aber bevor ich
auflege
hat sie es
schon getan
unsere münder
kennen keine sprache mehr
aber wenn wir worte
für unseren zustand fänden
würden wir sie so verstecken
das niemand sie entdeckt
dieser frau
brachte ich keine blumen
mit
ihre stadt war mir fremd
aber ihre küsse
schmeckten
als hätte ich die stadt
schon immer gekannt
sie sagte
wenn du willst kannst
du
für immer bleiben
ich sagte
wenn ich es schaffe
hinter deinem staunen
auch das zu sehen was ich nicht begreife
stände ich sicher nicht so neben mir



*= ich tat dem Peter Esterhazy unrecht, oder seinen Frauen, denn schon die vierte Frau liebt ihn

Eine Frau (100)

es gibt eine frau
sie hasst mich
ihre lippen liebkosten einst ihren telefonhörer
die küsse schwappten über
die augen der hilfpolizisten färbten sich rosa
aber darüber redeten wir nicht
ich fragte sie
nach ihren augen
ich fragte
was machen deine augen gerade
sie schauen sich um
wonach
fragte ich
sie suchen eine stelle von der du sie nicht sehen kannst sondern nur noch berühren
das sagte die frau
oder sie sagte es nicht
vielleicht habe ich ihr nicht richtig zugehört
jetzt würde ich das tun
aber jetzt spricht sie nicht mehr mit mir
logo

Der Himmel ist überall

Counter

Meine Schätze


Thomas Pynchon
Gegen den Tag


Elfriede Jelinek
Die Kinder der Toten.


António Lobo Antunes, Maralde Meyer-Minnemann, Maralde Meyer- Minnemann
Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht.


Leo N. Tolstoi, Leo N. Tolstoj, H. Röhl
Anna Karenina


Alexander S. Puschkin, Alexander S. Puskin
Jewgeni Onegin.


Salman Rushdie, Karin Graf
Mitternachtskinder.


Gertrude Stein, Franz E. Walther
Die Welt ist rund


Gabriel García Márquez, Curt Meyer-Clason
Hundert Jahre Einsamkeit.






Michail Bulgakow, Ralf Schröder, Thomas Reschke
Der Meister und Margarita.


Thomas Bernhard
Auslöschung. Ein Zerfall.



Fjodor M. Dostojewski, Hans Ruoff, Richard Hoffmann
Die Brüder Karamasow


Marcel Proust, Luzius Keller, Sibylla Laemmel, Eva Rechel-Mertens
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 1-7



Archiv

Juli 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
10
11
12
13
14
15
16
17
26
27
28
29
30
31
 
 
 
 
 

Raymond Queneau
Blaue Blume
christine lavant
das summerische tagebuch
Der magische Realismus
der zwirnvogel
Die Bearbeitung des Heizstuhles (Gedichte in verschiedenen Fassungen)
eine frau
Elke erzählt
erinnern
Frühstück im freien
Gregor Samsas Krabbelgedichte
Heinz
Mein kleines Tagebuch
Meine DichterInnen
Strichmännchen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren

kostenloser Counter